Ein Winterlied - Teil 1:

-Schwarze Augen-

Nebel lag über den dämmrigen Straßen und verschluckte die Geräusche.

Wie von weiter Ferne drang der gedämpfte Schrei eines Kindes an sein Ohr.

Ein Motor heulte ganz in der Nähe auf. Eine schwarze Katze rannte fauchend zwischen seinen Beinen hindurch. Ihr Schwanz streifte sein Knie.

Fröstelnd zog er sein viel zu dünnes Hemd enger um die Brust. Er hastete in den belebteren Teil der Stadt. In seiner Nähe fiel ein Mülleimerdeckel scheppernd auf das lange nicht ausgebesserte Kopfsteinpflaster und verjagte einen räudigen Hund.

Ein Obdachloser hatte zu viel getrunken und versuchte ihn in eine Schlägerei zu verwickeln.

Der Nebel lichtete sich etwas, als er eine der Hauptstraßen erreichte. Trotz des eisigen Windes zupfte er sein Hemd wieder leicht auseinander, so dass man seine nackte Brust sehen konnte. Auch sein Gang änderte sich leicht, seine Haltung wirkte nun auffordernder und aufreizender.

Er betrat das dunkle Gebäude durch den Hintereingang. Von Zigaretten- und Kohlefeuerrauch geschwärzter Putz bröckelte ab, als er die quietschende Tür hinter sich zu schlug. Ein von einer gelben Glühbirne schwach beleuchteter Gang führte ihn zu einer weißen Tür, die erst kürzlich frisch gestrichen worden war. Mit ihm wartete eine Frau in viel zu knappem Mini und eingelaufenem, pinkem T-Shirt. Ihre Stiefel wurden von Sicherheitsnadeln zusammen gehalten und reichten fast bis an den Saum des orangefarbenen Minis. Auch sie hatte bessere Zeiten gesehen, und musterte ihn nun abschätzend.

Unsicher sah Alain an sich herab.

Seine verwaschene und viel zu kleine Jeans bestand aus mehr Löchern und dünnen Stellen als festem Stoff, und sein Sommerhemd trug er offensichtlich seit einigen Jahren. Es war aus dünnem Baumwollstoff mit blauem Streifenmuster und zeigte mehr von seiner muskulösen Brust, als es verdeckte. Seine Hände waren um eine alte Umhängetasche geklammert, die auch aussah wie aus einer Mülltonne gefischt.

Er konnte es kaum glauben, dass er sich nun seit drei Jahren sein Geld verdiente, indem er seinen Körper verkaufte, meist an die Sorte von Kunden, die in keinen Nachtclub gelassen wurden, weil sie entweder zu arm oder zu betrunken waren.

Seine Gedanken wurden von dem Quietschen der weißen Tür unterbrochen.

Caspar Francis Blackwell aß, ganz der brave Sohnemann, das Essen, das seine Mutter gekocht hatte. Er konnte zwar selbst ganz gut kochen, aber zu Hause bei Mama schmeckte es eben doch am Besten.

Wie immer, wenn er seine Mutter besuchte, fragte sie ihn über die Universität und seine Mitbewohner von der WG, in der er lebte, aus, fragte ihn, ob er auch zu Recht komme, ob er etwas brauche. Die übliche Prozedur mit den üblichen Fragen, die er nun schon zwei Jahre kannte und jedes Mal mit einem beruhigenden Lächeln auf den Lippen beantwortete. Und natürlich durfte auch die Frage nach einer Freundin nicht fehlen.

„Nein, Mom, ich habe noch keine neue Freundin. Und nein, Mom, auch keinen neuen Freund“, antwortete er, die Augen verdrehend. „Du wirst dich damit abfinden müssen, dass ich nicht jeden Tag nach der Uni durch die ganze Stadt renne und fremde Leute anspreche, nur damit ich dir bei meinem nächsten Besuch einen neuen Lebensabschnittspartner vorweisen kann.“

„Sag nicht immer dieses schreckliche Wort!“ wies seine Mutter ihn streng zurecht. Sie war hoffnungslos romantisch und duldete es nicht, wenn man so leichtfertig über Liebe und Beziehungen sprach. Sie glaubte noch an die große Liebe und auch an den Satz „Wo die Liebe hinfällt“, weswegen sie es auch widerspruchslos akzeptierte, dass er bisexuell war. Es machte ihr nichts aus, wenn er auch mal einen Mann zum Essen mitbrachte und wenn er diesen vor ihren Augen küsste, konnte ihr das nur ein wissendes Lächeln entlocken. Er war wirklich froh, dass seine Mutter das alles ohne jeglichen Widerwillen und mit Verständnis akzeptierte, aber dass sie sich so stark für sein Liebesleben interessieren musste, war damit noch lange nicht gerechtfertigt!

„Ja, Mom“, seufzte er. Nein, was Liebe anging verstand sie wirklich keinen Spaß. „Aber ich habe im Moment mit der Uni wirklich genug zu tun und keine Zeit für eine Beziehung. Ich würde sie oder ihn doch nur vernachlässigen und das willst du doch nicht, oder?“

„Diese Professoren sollte man verklagen! Man sollte doch meinen, dass ein Studium genug Zeit für eine ordentliche Beziehung lassen sollte!“ schimpfte seine Mutter nicht ganz ernst gemeint. Völlig ernst war es ihr jedoch, als sie hinzufügte: „Und für einen Friseurbesuch auch!“

Caspar stöhnte laut auf. „Mom! Könnten wir das bitte lassen? Ich werde mir NICHT die Haare abschneiden, egal wie lange du mir damit in den Ohren liegst! Außerdem GEHE ich zum Frisör und der sagt mir jedes Mal, mein Haar sei wundervoll. Ich wasche und pflege mein Haar ausreichend und solange ich nicht aussehe wie ein Penner, könntest du deine Kommentare freundlicherweise für dich behalten! Ich kann nichts dafür, wenn du meinst, dass Männer ihre Haare kurz tragen sollten“, erwiderte er leicht gereizt. Was seine Haare anging, die im Moment ordentlich im Nacken zusammengebunden waren, war er „ein wenig“ empfindlich.

Irgendwie war er heute auch nicht so recht bei der Sache. Es war Freitagabend und eigentlich sollte er jetzt von der Uni abspannen, aber noch immer schwirrten ihm Fetzen von den heutigen Vorträgen und Bilder von palavernden Professoren durch den Kopf. Freitags war leider Gottes sein langer Tag, noch dazu hatte er in der Nacht schlecht geschlafen, und trotzdem...

Außerdem hatte er so ein merkwürdiges Gefühl im Bauch, von dem er nicht wusste, was es bedeuten könnte, das aber wohl nicht so schnell vorüber zu gehen würde...

Er trat in ein, im Vergleich zum Haus recht luxuriös eingerichtetes Zimmer. Ein schwarzes Ledersofa war mit künstlichen Leopardenfellen ausgelegt und der gläserne Couchtisch davor wurde von einem bronzenen, nackten Jüngling getragen, der fast lebensgroß auf dem Boden kauerte.

Alain legte den Zettel, den er von seinem „Herrn“ bekommen hatte, auf den Mahagonischreibtisch, und wartete, bis der fette, kahlköpfige Mann im beigen Anzug gelangweilt mit einer wurstfingrigen, beringten Hand den Zeitpunkt seines Eintreffens und seine Unterschrift auf den zerknitterten Zettel schrieb.

Dann ging Alain zur Tür. Als er sie öffnete und hindurch ging, stieß er mit Sheila zusammen, die ihn wütend anfauchte.

Er kämpfte sich durch die nach Hause eilenden Menschenmassen zu seinem Arbeitsplatz, einem kurzen Stück Bürgersteig. Überall lagen alte Colabüchsen, „Times“ und festgetretene Kaugummis auf dem schmutzigen Asphalt.

Der Abend war noch jung, und die meisten saßen gerade zu Hause bei einem guten Abendessen. Eine Frau hastete mit wehenden, blondierten Haaren vorüber. Alain musste grinsen, als er den Kaugummi und die Hundekotspuren an der Sohle ihrer Lackschuhe bemerkte. Er schloss daraus, dass sie noch nicht lange in dieser Stadt war. Sie drehte sich nicht um, als er ihr hinterher pfiff, sondern beschleunigte ihren Schritt noch weiter.

Mit einem Lächeln beugte sich Caspar zu seiner Mutter herunter, die ihm bei seinen 1.93m nicht einmal bis zu den Schultern reichte, umarmte sie herzlich und küsste sie auf beide Wangen.

„Grüß deine Freunde von mir und ruf mal wieder an“, wies seine Mutter ihn lächelnd an und zupfte ein wenig an seinem leichten, schwarzen Ledermantel (eine Lieblingsklamotte von ihm, passend zu der schwarzen Lederhose, die er heute trug) und rückte das Kreuz aus schwarzem Obsidian mit eingelegtem Silber zurecht, welches an einem ebenfalls schwarzen Lederband hing, das dreimal eng um seinen Hals geschlungen war. Das Kreuz war ein Glücksbringer, den er eigentlich nie abnahm. Nicht einmal beim Kampfsporttraining.

Er verabschiedete sich und trat noch immer lächelnd auf die im Halbdunkel liegende Straße. Der Sommer war längst vorbei und es wurde früh dunkel. Die Luft schlug ihm schwer und feucht entgegen, versuchte Caspar seines Atems zu berauben.

Im Nebel, der vom Fluss herüberkommen musste, konnte er lediglich drei der weit auseinander liegenden Straßenlaternen ausmachen, und auch die nur als schemenhafte Leuchtkugeln. Seine Sicht beschränkte sich auf weniger als 50 Meter und alles was näher war, zugleich aber weiter als maximal zwei Meter entfernt war, konnte er nur verschwommen erkennen.

Obwohl die Straße, in die er nach wenigen Schritten einbog, eine Hauptstraße war, lag sie fast verlassen da, was sie nicht gerade verlockender machte. Von dem eisigen Wind und dem obligatorischen Müll ganz zu schweigen. Wozu hatte man auch schließlich den Mülleimer erfunden?

Immerhin war die Sicht besser, sodass sich Caspar nicht mehr ganz so große Sorgen über den Heimweg machen musste, aber er war sich nicht sicher darüber, ob er diese Hauptstraße wirklich so genau erkennen wollte...

Schon erstrahlten die ersten Leuchttafeln von Nachtclubs in hässlichen rot-pinken Neonfarben und beleuchteten eine zitternde, für die Jahreszeit viel zu leicht bekleidete Gestalt, die ihn ansah. Caspar musste nicht raten, warum sie sich bei diesem Wetter und um diese Zeit die Beine in den Bauch stand.

Neben ihm klapperte plötzlich ein Fensterladen und eine weitere Neonröhre in Form eines Mädchens wollte ihn in einen rot ausgeleuchteten Raum locken. Casper kannte den Club – er hatte noch vor einem halben Jahr dort gekellnert, bevor er etwas Besseres gefunden hatte. Wohl gefühlt hatte er sich dort jedoch nie.

Eine klamme Kälte lies Alain kurz erschaudern. Es hatte leicht zu nieseln begonnen und der Nebel hatte ihn nun völlig durchweicht. Auch sah es aus, als würden die Temperaturen noch weiter sinken und es bald zu schneien begönne. Er wünschte sich zitternd in eines der weichen, warmen Federbetten, die es in den Nachtclubzimmern gab. Doch er brauchte das Geld. Seufzend wollte er sich gerade umdrehen und sich in ein Pub setzen, bis sich wieder Menschen auf die Straße wagten, als ein junger Mann mit blonden Haaren und einem schwarzen Mantel auf ihn zu kam. Alain lächelte ihm zu, obwohl er Angst davor hatte, dass der Mann sein stummes Angebot annehmen könnte. Er gab sich alle Mühe, sein Zittern zu unterdrücken. Der Mann erwiderte sein Lächeln, ging jedoch an ihm vorbei. Der Junge drehte sich erleichtert in die Richtung, aus der der Fremde gekommen war.

Er zuckte erschrocken zusammen, als ein angenehmer, weicher Tenor an seinem Ohr sprach: „Wie viel?“

Alain wirbelte herum. Der Mann war zurückgekommen und stand nun dicht vor ihm. Ihre Gesichter berührten sich fast, und Alain spürte den heißen Atem des Anderen über sein kaltes Gesicht streichen.

Als er weiter herankam und die zähneklappernde Gestalt näher betrachtete, bemerkte er, dass er sich zumindest im Geschlecht getäuscht hatte: Es war ein Junge, der jedoch ohne Zweifel demselben „Beruf“ nachging. Caspar konnte sehen, wie er sich straffte und versuchte ihn anzulächeln.

Er wusste, dass es anziehend hatte wirken sollen, doch in ihm regte sich nur reines Mitleid.

Er schenkte dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln und ging vorbei, und der Junge drehte sich in die Richtung, aus der er gekommen war.

Einen Moment lang ging er unschlüssig weiter, dann gab er sich einen Ruck und ging dann innerlich noch immer zögernd zurück. Er gab sich einen weiteren Ruck und beugte sich zu dem Ohr des Kleineren hinab, sprach die zitternde Gestalt an.

„Wie viel?“ fragte Caspar freundlich und leise, wollte ihn nicht verschrecken. Der Junge sah nicht so aus, als würde ihm sein Gewerbe sonderlich Freude machen.

Er wusste nicht weshalb, doch er hatte das Bedürfnis, dem Kleinen etwas Gutes zu tun und ihn wenigstens für eine Weile ins Warme zu bringen. Dank seines Autos, seinem Motorrad – ein kleiner Traum von ihm – und dem Studium lag das Geld zwar nicht so locker bei ihm, dass er es zum Fenster rausschmeißen konnte, aber der Anblick des Jungen war wirklich mehr als Mitleid erregend.

Als sich der Junge umdrehte und sie sich Auge in Auge gegenüberstanden war er zugegebenermaßen erstaunt. Er blickte direkt in zwei wirklich schwarze Augen (Kontaktlinsen, wie er vermutete), die mit seinem nachtschwarzen Haar harmonisierten und so kein bisschen unheimlich wirkten. Die schmale Nase des Jungen bog sich neckisch ein wenig nach oben und wären da nicht der harte Zug um seinen Mund und die hervorstehenden Wangenknochen gewesen, er hätte ihn als nicht nur hübsch, sondern wirklich schön bezeichnet.

Aber wie seine Mutter immer sagte: „Wahre Schönheit kommt von innen“ – und die Straße musste auf Dauer jegliche innere Schönheit gnadenlos abtöten.

Wäre dieser fast verbitterte Zug nicht gewesen, Caspar hätte ihn auf ungefähr 15 geschätzt, so jedoch war er sich dessen nicht mehr so sicher. Trotz allem war er viel zu jung für Caspar, vielleicht hatte er sogar gerade einen „Mitarbeiter“ des städtischen Babystrichs vor sich.

Dieses... Kind nannte Caspar eine geradezu lächerlich geringe Summe. Als Caspar ihn jedoch ungläubig anstarrte und zweifelnd diese – so weit er wusste, denn persönliche Erfahrungen hatte er bis jetzt noch nicht gemacht – viel zu niedrige Zahl wiederholte, ging der Junge sogar noch weiter herunter. Der Kleine musste es wirklich nötig haben.

Caspar zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen, bedeutete dem Jungen nur mit einer knappen Kopfbewegung ihm zu folgen.

Währenddessen waren die ersten „Kolleginnen“ des Jungen auf die Straße getreten und sofort ging eine von ihnen auf Caspar zu, hielt ihm ihr, von einem schwarzen BH nur sehr unvollständig bedecktes, Dekolleté unter die Nase.

Caspar drehte sich abgestoßen von ihrem unangenehm penetranten Geruch und der alles andere als anziehenden Aufmachung zu dem Jungen herum und fragte ihn demonstrativ: „Hast du etwas dagegen, wenn wir zu mir gehen?“

Die Pinkhaarige, deren Name einfach nur „Klischee“ lauten konnte, zog sich mit einer sicherlich tausendmal geübten Bewegung wieder ihren billigen Kunstfellmantel über, zischte etwas wenig damenhaftes und rauschte, auf ihren hohen Absätzen wie ein Storch im Salat staksend, davon, wobei ihr rundes Hinterteil in so gefährlichen Kurven hin und her schwankte, dass er sich fragte, wie so etwas für den Bürgersteigsverkehr zugelassen werden konnte.

Kopfschüttelnd fasste er den Jungen bei seinem Oberarm, verblüfft, dass sein Daumen die Fingerkuppen seines Mittel- und Zeigefingers berührte.

Sie kamen an einer nun rasch ansteigenden Anzahl Prostituierter und erleuchteten Werbeschildern vorbei und Caspar war froh, als sie nur zwei Gassen weiter die Garage seiner Schwester erreichten, in der er sein Auto abgestellt hatte.

Sein schwarzer BMW sprang auf Anhieb an und der Kleine lehnte sich in dem gemütlichen Beifahrersitz zurück, schloss die Augen.

Alain musterte seinen Kunden von der Seite, als dieser, sich offensichtlich in dieser Straße unwohl fühlend, ihn mit sich zog. Seine offenen, schwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht, doch er machte sich nicht die Mühe sie nach hinten zu streichen. Es war ihm sogar lieber, wenn der Andere ihn nicht so direkt anstarren konnte. Bisher sah der Blonde nicht unbedingt wie einer von den widerlichen Typen aus, die ihn so oft mitnahmen; mal auf Motorrädern, mal in alten, rostigen Autos, ihn manchmal aber auch einfach in einer Seitengasse benutzten und dann dort liegen ließen. Aber er wusste, dass er sich auch sehr täuschen konnte. Erst vor einer Woche: er lehnte sich im Beifahrersitz zurück, schloss die Augen und versuchte nicht mehr an den „Besuch“ seines „Vaters“ letzte Woche zu denken.

Caspars Hand verharrte schwebend in der Luft und er nahm sich die Zeit, um den Jungen auf dem Beifahrersitz noch etwas näher betrachten zu können.

Noch immer waren die Wangen von der Kälte und dem draußen herrschenden, schneidenden Wind gerötet. Es war immerhin mitten im November und Caspar musste sich eingestehen, dass er bei dieser Bekleidung schon längst erfroren in irgendeiner Seitengasse gelegen hätte. Entsprechend straff spannte sich die Haut des Jungen über dessen Knochen, wurde zusätzlich noch von einer Gänsehaut überzogen, die Caspar dazu veranlasste die Heizung aufzudrehen.

Der Kleine wurde sich gewahr, dass er angestarrt wurde und öffnete die Augen, sah ihn direkt und unverblümt an. Hastig wandte sich Caspar ab, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der leicht chaotischen Garage, wobei er beinahe einen, mit Schrauben und anderem Kleinkram gefüllten, Blumenkasten überfahren hätte.

„Wie heißt du?“ fragte Caspar schließlich, um die unangenehme Stille zu brechen, die sich über den Innenraum seines Autos gelegt hatte. Sein Gegenüber dachte für Caspars Geschmack ein wenig zu lange über seine Antwort nach, bevor er diese laut aussprach und er musste den Kleinen nicht ansehen, um zu merken, dass er belogen wurde, wollte aber auch nicht noch einmal nachfragen. Es hätte ja ohnehin nichts gebracht.

Der Kleine, der sich als Rocco vorgestellt hatte, verschlief die halbstündige Fahrt und schreckte erst wieder hoch, als Caspar den Motor abstellte und die Fahrertür öffnete.

Rocco blinzelte unter Caspars fragendem Blick nur leicht verstört zurück und stieg dann rasch aus.

Alain stieg aus dem Wagen und sah sich um. Sie waren in einem Wohngebiet von sauber aufgereihten Einfamilienhäusern in einem der wohlhabenderen Vororten der Stadt. Der Nebel bedeckte hier nur den Boden bis auf Kniehöhe, aber dafür war es viel kälter. Er sah zum Himmel. Sie mussten nach Osten gefahren sein. Plötzlich stutzte er und sah zum Haus zurück.

„Sie sind verheiratet?“ fragte er und zog eine Augenbraue hoch. Sein Kunde schüttelte lachend den Kopf. „Nein! Aber man kann doch auch als WG in einem solchen Haus leben.“ Alain wurde nervös. WG...

Der blonde Mann ging zum Kofferraum und nahm einen Stoffrucksack heraus, den er sich über den Rücken warf, ehe er durch den Vorstadtgarten auf die Tür zuging. Dahinter brannte Licht, das den braunen Rasen und einen Apfelbaum beschien, an dem noch ein paar schrumpelige Äpfel hingen.

Die Beete waren alle von erfrorenen Pflanzen bedeckt, die noch zurück geschnitten werden mussten. Verdorrte Rosen hingen vor dem Glasfenster der Eingangstür herab, durch die Licht fiel, nur von einem dünnen Vorhang gedämpft. Der Kunde suchte noch seinen Schlüssel, als die Tür von innen geöffnet wurde. Ein rothaariger Mann in Skihose und schwarz-gelber Jack Wolfskin-Jacke trat heraus. Er umarmte den Blonden kurz zum Abschied, warf seine Reisetasche in den Kofferraum eines gelben Mini Cooper und startete den Motor.

Sie traten in das Haus, als der Wagen aus der Auffahrt rollte. Neben der Garderobe in der Eingangshalle, an der zwei Jacken hingen, stand eine niedrige Garderobe mit einem hohen Spiegel. Um diesen hingen Kinder-, Jugend- und Fetenfotos neben Postkarten und Zeichnungen. Ein blauer Läufer barg einen unordentlichen Haufen Schuhe.

„Darf ich mal Ihr Bad benutzen?“ Der junge Mann führte ihn in ein weiß gekacheltes Bad mit bodenlangem Spiegel. Auf dem Waschbeckenrand lag eine große Ansammlung von Zahnbürsten, Aftershaves und verschiedene Eau des Toilettes. Alain schloss die Tür und setzte sich auf den zugeklappten Klodeckel, den Kopf in die Hände gestützt. Entschlossen richtete er sich auf, straffte sich und trat vor den Spiegel. Aus seiner Umhängetasche, an die er sich die ganze Zeit geklammert hatte, kramte er ein Päckchen Kondome und sein Fixbesteck hervor. Er fluchte kaum hörbar, als ihm auffiel, dass er viel zu wenig Heroin bei sich hatte. Er brauchte dringend Geld für Neues! Den kümmerlichen Rest füllte er in seine Spritze und schlug sie sich wuchtig in den Arm.

Mit 10 hatte er seinen ersten Joint geraucht, mit 12 war er auf den Strich gegangen und hatte zu fixen begonnen. Es war ein Teufelskreis: Er nahm Heroin, um sich für seine Arbeit zu betäuben.

Alain stöhnte leise auf, als er durch den Nebel aus Schmerz hindurch spürte, wie sich die Droge in sein Blut mischte. Sein Blick trübte sich für einen Moment; für einen kurzen Augenblick erfüllte ihn eine tiefe Ruhe, die seinen Atem zügelte und regelmäßig werden ließ.

Doch sein Geist war noch nicht befriedigt. Es war zu wenig! Sein Körper schrie nach mehr. Aus Hunger wurde Gier, unzähmbar und wild. Sein Körper zitterte und er spürte einen stechenden Schmerz, als sich die Spritze in seinem Arm bewegte.

Er zog sie heraus und kämpfte die Gier nieder.

Währenddessen betrat Caspar sein Zimmer, ließ die Tür für seinen „Gast“ offen. Eilig schnappte er sich ein paar herumliegende Sachen und stopfte sie in einen Schrank, aus dem er gleich noch ein paar Teelichter und ein Feuerzeug herausholte. Er liebte Kerzen und nicht nur wegen seines Stövchens (er war Teeliebhaber) und seiner Duftlampe hatte er immer welche da.

Er mochte das sanfte Licht der Kerzen oder auch seines elektrischen Deckenfluters einfach lieber, als das eher kalte Licht von Glühlampen und Neonröhren.

Schnell verteilte er die Teelichter im ganzen Zimmer und suchte ein Musikalbum aus dem CD-Ständer heraus, von dem er hoffte, dass es dem Jungen gefallen würde, auch wenn es keine Metal-Band oder so war. Zu Metal ließ es sich – seiner Meinung nach – nun mal einfach schlecht... nun ja, was auch immer sie tun würden...

Tatsächlich war sich Caspar nämlich nicht ganz sicher darüber. Der Junge war zwar zweifelsohne sehr attraktiv, andererseits regte sich noch immer das Mitleid in ihm, für den Kleinen, der nicht so viel Glück wie Caspar gehabt hatte und Mitleid war nicht gerade eine der Emotionen, die ihn sonderlich auf mehr heiß machte...

Als er aufhörte zu zittern und sein Gesicht wieder etwas Farbe bekam, wusch er sich Gesicht und Oberkörper, band seine Haare zurück und trat aus dem Bad.

Er straffte sich, stieg die Treppe hinauf, die, mit einem schwarzen Läufer gepolstert, in das obere Stockwerk führte und sah sich um. Sein Kunde hatte die Tür zu seinem Zimmer offen gelassen. Der junge Mann kniete auf zwei nebeneinander gelegten Matratzen und zündete, den Rücken zur Tür gewandt, eine Unzahl an Kerzen an.

Alain trat lautlos hinter ihn und legte ihm die Hände auf die Schultern.

„Wie heißt du?“ Wie von selbst war seine Stimme auf ein dunkles Flüstern gesunken. Erschrocken drehte der Blonde den Kopf: „Caspar“, antwortete er schlicht und zündete die letzten Teelichter an. Währenddessen sah sich Alain in dem Raum um. Ein mit einem Tuch verhängter Schrank stand in einer Ecke. Die ganze Wand war mit Kunstdrucken von Leonardo da Vinci´s Menschenstudien beklebt. Die leise Musik, die den Raum erfüllte, kam von der Stereoanlage in der Ecke, deren Lautsprecher überall verteilt waren.

Caspar schaltete das Licht aus und Alain wurde nun völlig zum charmanten Liebhaber. Langsam ging er auf Caspar zu und öffnete dabei die obersten Knöpfe seines Hemdes. Er bewegte sich leicht im Takt der Musik. Alles verschwamm vor seinem Blick, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und lächelte.

Sein Herz schien ein paar Schläge auszusetzen und dann in einer Geschwindigkeit weiter zu rasen, als wollte es seine Brust sprengen, als Caspar seine nackte Haut berührte.

Nach seiner letzten gescheiterten Beziehung - mit einem Mann - hatte Caspar eigentlich angenommen, nicht so bald wieder Lust auf sein eigenes Geschlecht zu bekommen und er fragte sich nun doch schon eine geraume Weile, warum zum Teufel er... „Rocco“ dann eigentlich mitgenommen hatte (und seit wann sein Liebesleben eine so fatale Wendung genommen hatte, dass er sich nun schon beim örtlichen Strich bedienen musste?!). Aber als der Junge nun nur von dem warmen Kerzenlicht beschienen vor ihm stand und ihn mit seinem geübt aufreizenden Blick ansah, vergaß er schlagartig alle weiblichen Erdenbewohnerinnen, die über den blauen Planeten wandelten.

Als „Rocco“ dann noch die obersten Knöpfe seines Hemdes öffnete, erübrigte sich auch die Frage danach, was sie in der nächsten Zeit tun könnten – tun würden...

Vorsichtig hob er die Hand, streichelte behutsam über Roccos Wange und den zarten Hals hinab, fuhr bis zu den übrigen, noch verschlossenen Knöpfen des blau gestreiften Sommerhemds. Kurz verharrten seine Finger dort, bevor er zögernd auch diese öffnete, zärtlich die so freigelegte weiche Haut mit seinen Fingerspitzen liebkoste.

/Eines muss man ihm lassen. Er fühlt sich wundervoll an.../, dachte er ein wenig atemlos.

Alain trat näher an ihn heran und küsste ihn in die Halsbeuge. Dann fuhr seine Zunge weiter abwärts, bis sie an den Ausschnitt des hautengen schwarzen T-Shirts gekommen war.

Sein Mittelfinger strich Caspars Wirbelsäule entlang, als er es hochschob und ihm auszog. Das T-Shirt einfach achtlos zu Boden fallen lassend, drängte sich Alain an ihn, wobei seine Hände sanft die leicht angespannten Schultern des Anderen massierten. Er spürte sofort, dass Caspar es nicht gewohnt war, sich einfach in die Arme eines völlig fremden Menschen fallen zu lassen. Leise Worte in sein Ohr flüsternd strichen Alains Hände immer wieder sanft über Caspars Brust, spürend, wie sich die harten Muskeln entspannten. Doch als er nun versuchte dem Älteren noch näher zu kommen hielt dieser ihn auf.

Der Junge wollte seine unglaublich warme Haut noch enger an Caspar schmiegen, doch jener brachte ein wenig Abstand zwischen sie beide, indem er seine Hände zwischen seine und Roccos Brust legte, und sah ihm dann etwas angespannt in die Augen. Er wurde dieses bohrende Gefühl, dass er etwas tat, das einfach nicht richtig war, nicht los. Also sah er forschend in Roccos Augen und fragte ihn leise: „Wie alt bist du eigentlich?“

Die raue, heiße Zunge des Jungen wanderte spielerisch leicht bis zu seinem Bauchnabel hinab, bevor er endlich „Zwanzig“ antwortete.

Auf diese Lüge hin versuchte Caspar einen Moment ernsthaft, sich gegen die Berührungen des Jüngeren - viel Jüngeren – zu wehren, gab dies aber schnell wieder auf, da er seiner Libido nicht viel entgegenzusetzen hatte.

„Du lügst“, hielt er Rocco also nur vor. Er wusste nicht einmal, weshalb. Rocco würde bald wieder aus dem Haus und damit auch aus seinem Leben verschwunden sein. Was also ging es ihn an, wenn Rocco seinen minderjährigen, dafür umso anziehenderen Körper unter dem Deckmantel der Volljährigkeit an ihn verkaufen wollte?

Der Angesprochene öffnete die Knöpfe der schwarzen Lederhose, die Caspar trug, und antwortete: „Es interessiert dich doch gar nicht!“

Caspar wand sich leicht unter Roccos geschickten Fingern und unter einem Anflug von Schuldgefühlen wurde ihm klar, dass Rocco spätestens jetzt ziemlich richtig mit seiner Behauptung lag.

Langsam wurde er von dem Jungen mit sanfter Gewalt auf die Matratzen hinuntergedrückt und ehe er sich versehen hatte, zog ihm Rocco auch schon die im Schritt mittlerweile ziemlich eng gewordene Hose aus.

Von der Stelle, an der Caspar ihn berührt hatte schien eine Woge aus Schmerz durch seinen Körper zu wallen. Nach außen hin ließ er sich nichts anmerken, doch innerlich schrie er vor Angst. Er hatte das noch nie ohne Betäubung tun müssen. Ein Krampf nach dem anderen erschütterte ihn.

Aus einem Reflex heraus machte er weiter, vollführte routinierte Bewegungen, befolgte die Regeln des Verführens, ohne zu merken was er tat. Er sprach, lachte, neckte. Doch sein Geist war weit weg.

Er hatte schon immer Berührungsangst gehabt, und jetzt, da er bewusst in den Armen eines Mannes lag, überkam ihn Panik.

Erst als sie auf dem improvisierten Bett lagen, schaffte er es, seine Umgebung wieder bewusst wahr zu nehmen. Er wollte es nicht tun, aber er brauchte das Geld; daran erinnerte ihn die Gier nach weiteren Drogen ständig. Er musste sich zusammenreißen. Er konzentrierte sich auf den nagenden Hunger, den er nie richtig los wurde, auf jede Faser seines Körpers und spürte alle Muskeln und Sehnen, genoss das Gefühl, wie sie sich anspannten, wenn er die Zehen oder den Daumen bewegte. Nach ein paar Augenblicken fand er einen gleichmäßigen Atemrhythmus und ließ sein Herz ruhiger schlagen.

Diese absolute Körperkontrolle hatte er sich mit fünf Jahren antrainiert. Er nutzte sie aber nur, wenn er musste, nie wenn er allein war.

Alain strich mit seiner, nun ruhigen, Hand über Caspars Haar. Der junge Mann begann ihm das Hemd auszuziehen, doch Alain verhinderte dies, indem er sich unter Caspar aufrichtete bis seine nackte Brust an Caspars lag und ihn wild küsste. Seine Arme schlangen sich um dessen Nacken und spielten mit seinem blonden Haar. Mit seinen Füßen streifte er Caspar geschickt die Shorts von der Hüfte.

Er verkrampfte sich kurz, als nun Caspars Hand über seinen Schritt streifte und ihm seine Hose auszog. Alain saß nun in Shorts und offenem Sommerhemd auf dem Schoß des nackten, viel größeren Caspar und spürte wie dessen Erektion gegen seinen Oberschenkel drückte. Erneut bekam er Angst und schluckte hart, als er die aufsteigenden Tränen zu verdrängen versuchte. Doch Caspar, der Alains Brustwarzen küsste bis diese hart wurden, merkte nichts davon.

Alain warf den Kopf in den Nacken und biss sich in Agonie die Lippen auf, als die Hände ihm näher kamen.

Caspar wurde fast wahnsinnig unter den feingliedrigen, langen Fingern, diesem ihn wie magisch anziehenden Geruch. „Rocco“ mochte gut ein halbes Jahrzehnt jünger sein als er selbst, aber eines stand fest: Er verstand sich hervorragend auf sein Gewerbe.

Caspar erschauerte, als er die schmalen Finger an seinem empfindlichen Nacken und mit seinen Haaren spielend spürte und im nächsten Moment vollends nackt auf dem Jungen lag.

Falls er es je vorgehabt hatte, so konnte er sich nun nicht mehr zurückhalten und zog Rocco mit einer Hand die enge, verwaschene Jeans von den Schenkeln, dann ganz von seinen Beinen, wobei er es sich nicht verkneifen konnte, über dessen Schritt zu fahren, mit der anderen streichelte er über die schmale, aber muskulöse Brust, wollte soviel nackte Haut unter seinen Fingerkuppen spüren, wie er nur bekommen konnte.

Ungeduldig ließ er sich zurücksinken und zog den Kleinen auf seinen Schoß, konnte einen Moment nur atemlos die in der Lust fast elfenhaft erscheinende Gestalt anstarren, die auf seinen Oberschenkeln saß, wie ein Traum. Ein sehr erregender Traum – Caspar konnte die Haut einer weichwarmen Schenkelinnenseite an seiner Erektion fühlen und stöhnte leise in den Brustkorb seines Traums hinein, spürte in sich selbst aufgelöst das leichte Beben, das durch den schlanken Körper des anderen ging als er über Roccos Brustwarzen leckte und mit seinen Lippen umschmeichelte bis sie sich ihm in neckischer Erregung entgegenstreckten.

Seine rastlosen Finger fuhren über die schönen Bauchmuskeln, schoben das störende Hemd endlich von dem leibhaftigen Engel, der auf seinem Schoß saß, und fuhr die glatten Seiten mit spielerisch kitzelnden Bewegungen hinunter. Er intensivierte den Kontakt seiner Hände mit der glatten Haut und schob sie dann aufreizend unter die Shorts des Jungen, umfasste die beiden süßen, lockenden Hügel und drückte den schmalen Körper noch enger an sich, während er sich beinahe zärtlich in das Rund seiner Halsbeuge verbiss, mit der Nasenspitze an die Halsschlagader stupste und Rocco seiner Shorts entledigte.

Mit sanfter Gewalt drückte er den nun nackten Jungen auf die Matratze und zeichnete mit seiner rauheißen Zunge die Konturen des elfenhaft filigranen Körpers unter sich nach.

Er spürte, wie sich die Erregung in seinem Unterleib fest zusammenballte und von dort aus in schauerartigen Wellen seinen ganzen Körper durchflutete, als er das Gefühl, den Jungen zu spüren, angespannte Muskeln unter straffer Haut zu fühlen, genoss.

Als wäre der Nebel aus der Stadt in das Zimmer gekrochen und hielte ihn umschlungen, merkte er nur wie aus weiter Ferne, dass Rocco zumindest versuchte, ihn etwas zurückzuhalten.

Caspar stöhnte auf, schüttelte nur leicht verärgert den Kopf und zog ihn Besitz ergreifend an sich, um ihn wild zu küssen, die süße, warme Höhle hinter den rosigen, schon leicht geschwollenen Lippen ausgiebig zu plündern, bevor er mit seinen Lippen hemmungslos dieses unbekannte Land erkundete.

Alain versuchte sich zu wehren, doch Caspar war viel stärker. Die Nähe des, sonst sogar sehr attraktiven Mannes, ekelte ihn an. Caspar küsste ihn in die Halsbeuge und lies seine Zunge wieder an Alains Körper herabwandern. Er ließ sie kleine Kreise an der Innenseite seiner Oberschenkel ziehen. Alain erschauderte, als er ein verräterisches Ziehen und Kribbeln im Unterleib bemerkte.

Da die Wildkatze unter ihm nicht gewillt zu sein schien, einfach so aufzugeben, legte Caspar ihr kurzerhand ein Halsband an: Er ergriff Rocco bei den zierlichen Handgelenken und drückte sie mit einer Hand über das Antlitz dieses Lustengels in die Matratze, dann setzte er sich auf Roccos flachen Bauch, drückte die Knie fest aber nicht schmerzhaft in dessen Seiten, rieb sich fordernd an der weichen Haut von Roccos Unterbauch.

Mit dem Zeigefinger der freien Hand fuhr er hauchzart Roccos Handgelenk, dann die Pulsader nach. Er war gerade im Ellbogen angelangt, als er plötzlich stutzte.

Rocco, der zu merken schien, dass etwas nicht stimmte, wollte ihm seinen Arm entziehen, doch Caspar war ihm körperlich weit überlegen und hielt ihn, die Gegenwehr einfach ignorierend, mühelos fest, zog den linken Arm des Jungen näher zu sich.

Unvermittelt sah er auf und das Feuer in seinen Augen war zu blauen Flammen gefroren. „Du bist drogensüchtig“, warf er Rocco eiskalt vor, „Wann hast du es dir gefixt? Im Bad? In meinem Bad?“

Dieser versuchte ruhig zu bleiben, vollführte eine komplizierte Verrenkung und küsste Caspar knapp unterhalb des Bauchnabels.

Diesmal ließ Caspar sich jedoch nicht davon beeindrucken.

„RAUS!“ brüllte er wutentbrannt. „RAUS, DU... Wie war noch gleich dein Name?“

Alains Gedanken rasten. Was hatte er ihm gesagt? Irgendetwas mit R... „Ramon?“ versuchte er auf gut Glück. Falls das möglich war, wurde Caspar noch wütender.

„Ramon? Oder Rocco? Oder vielleicht auch RASPUTIN? GEH!!!“ Die letzten Worte hatte er wieder geschrieen, war aufgesprungen und zeigte auf die Tür. Er zitterte am ganzen Körper vor kalter, nur mühsam unterdrückter Wut. Dieser miese kleine Fixer konnte von Glück reden, dass er Gewalt im Allgemeinen zutiefst verabscheute, es für unter seine Würde befand, seine Kampfkünste an jemand anderem als seinen Trainingspartnern auszuprobieren.

Alain rappelte sich hoch, zog sich Shorts, Hemd und Hose wieder an und nahm seine Tasche. Er drängte sich schweigend an Caspar vorbei und hastete durch den Flur zur Haustür. Der Nebel hatte sich verzogen und die Luft war eisig geworden. Caspar schlug hinter ihm die Tür zu und Alain starrte zum Himmel. Dichte, schwere Wolken verdeckten nun Mond und Sterne.

Alain spürte, wie ihm heiße Tränen in die Augen stiegen, doch er kämpfte sie zurück.

Caspar sank wütend und erschöpft gegen die geräuschvoll geschlossene Tür mit dem kunstvollen, gläsernen Sichtfenster. Die Lust war mit einem Mal völlig verflogen, von ihm abgefallen wie ein aufgebrochener Kokon.

Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und schlug, um der geklumpten Wut in seinem Bauch Luft zu machen, gegen die Flurwand. Ein scharfer Schmerz zog sich unvermittelt durch ihn und über seine Knöchel, da er unversehens den Spiegel in ein silbernes und vor allen Dingen scharf schneidendes Puzzle verwandelt hatte.

Er fluchte. Nein, natürlich reichte es nicht, dass er beinahe mit einem minderjährigen, fixenden Strichjungen geschlafen hätte, wo er Drogen doch zutiefst verabscheute, sie regelrecht Ekel erregend fand – nein, natürlich musste er sich auch noch die dünne Haut, die sich über seine weißen Knöchel spannte, zerschneiden und die Hand prellen.

In letalem, göttlichen Zorn aufschreiend stellte er wütend die, ihn auf einmal anwidernde Schmusemusik aus und sich dann sofort unter die Dusche, um sich angeekelt rein zu waschen. Er machte sich nicht einmal die Mühe, das Fenster zu schließen, um den pfeifenden eisigkalten Wind auszusperren, den er in der unter dem heißen Wasser dampfenden Duschkabine ohnehin nicht zu spüren bekam.

Stattdessen schrubbte er sich frustriert jede einzelne Berührung dieser kleinen fixenden Ratte mit dem Engelsgesicht vom Körper - er hatte das Gefühl als wäre er in kochenden, übel riechenden Teer getaucht worden, der sich nun weigerte von seiner Haut zu weichen.

Alain rannte, von Tränen blind, durch die leeren Vorortsstraßen. Das Wetter war umgeschlagen, während er in Caspars Haus gewesen war, und nun bedeckten stetig fallende Schneeflocken die vereisten Straßen.

Als er einen der kleinen Hügel das dritte Mal nicht hoch kam, da er mit seinen Schuhen, - dünne, löchrige Turnschuhe, von denen sich schon die Sohlen ablösten und die kaum noch Profil hatten – ständig zurück schlitterte, zog er die Schuhe einfach aus und balancierte über die vielen verschiedenen Gartenzäune weiter.

Je länger er lief, desto wütender wurde er auf sich selbst. Durch den Schnee und die dichten Wolken konnte er keine Sterne sehen, und den Weg hatte er sich auf der Hinfahrt auch nicht eingeprägt.

Er lief fast zwei Stunden über die unterschiedlichsten Zäune und lies sich von zwei vorbeifahrenden Autos mitnehmen, ehe er den Stadtrand erreichte. Dabei vergaß er Caspar fast völlig.

Mit schmerzenden Füßen sprang er zurück auf die Straße und betrat eine Tankstelle, hinter deren Tresen eine mollige, schlafende Frau fortgeschrittenen Alters saß.

Sie schlief auch, dröhnend schnarchend, weiter, als Alain die Tür öffnete und eine altmodische Glocke bimmelte. Erschrocken sah er nach oben und fing die Tür auf, ehe sie mit einem weiteren Bimmeln zufallen konnte. Er stellte einen Feuerlöscher als Türstopper auf und schlich fast lautlos, die Schuhe noch immer in der Hand über den kalten, grauen Linoleumboden bis zu dem Regal mit den Zigaretten. Vorsichtig steckte er sich einige Stangen ein und wollte gerade wieder gehen, als sein Blick auf einen Stapel Kofferradios in der „Preiswert“ -Ecke fiel.

Voll bepackt wollte er schließlich den Laden verlassen, als die Frau mit einem lauten Schnarcher aufwachte. Sofort ließ sich Alain hinter einer Palette Waschbenzin auf den Boden fallen und beobachtete, wie die Füße der Frau – mehr sah er von ihr nicht, sich böse schimpfend auf die offene Tür zu bewegten. Sie stellte den Feuerlöscher wieder an seinen Platz und machte einen Kontrollrundgang. Alain robbte auf dem Bauch bis hinter die nächste Palette (Werkzeugkästen) und wartete bis die Kassiererin sich wieder auf einen ächzenden Bürostuhl fallen ließ.

„Morgen ist eh Inventur“, sagte sie leise zu sich selbst.

Eine Ewigkeit, wie es ihm vorkam, lag er auf dem kalten Boden, in der Zugluft der nicht richtig geschlossenen Tür und lauschte den Atemzügen der Frau, bis sie anfing zu schnarchen.

Mit weichen Knien stand er langsam auf und schlich sich aus dem Laden, beim leisen Läuten der Türglocke zusammenzuckend.


Simon wartete bereits am U-Bahnhof und fauchte Alain wütend an, als der viel zu spät zu der Telefonzelle gerannt kam, an der sie sich verabredet hatten.

Sein Gesicht rötete sich vor Zorn, als der Junge auch noch anstatt des versprochenen Geldes einige Stangen Zigaretten und zwei Kofferradios vor ihm auspackte. Alains Hände zitterten immer mehr, der Entzug brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Der Dealer spannte ihn noch eine Weile auf die Folter, als er ihn wütend zum sicherlich 10. Mal erklärte, dass Alain nicht sein einziger Kunde sei und er bald die geschäftliche Verbindung lösen würde.

Endlich wurde Alains Geduld belohnt und Simon reichte ihm eine Walmart-Tüte voll leerer Bierdosen.

„In der zerkratzten Budweiser Dose! Lass dich nicht damit sehen... Außer vielleicht bei meinen anderen Kunden.“ Endlich lächelte er, wenn auch sehr gezwungen.

Alain nickte ihm zu, schnappte sich die Tüte und rannte ein Stück hinter einem gerade ausfahrenden Zug her ehe er auf ihn aufsprang und sich festhielt.

Einige Stationen in östlicher Richtung ließ er sich zwischen die Gleise fallen und wartete, bis der Zug wieder abgefahren war und die wenigen Menschen den Bahnhof verlassen hatten. Dann schwang er sich hoch auf den Bahnsteig und hockte sich in eine Ecke, den Gestank von Urin und kaltem Rauch einfach ignorierend. Einen Moment saß er einfach nur da, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und dachte an den Abend zurück. Vor allem sein Kunde... Caspar. /Vergiss ihn/ befahl er sich selbst. Doch es war schwer. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem Anblick seiner muskulösen Brust. Caspars Armen... Fahrig und entschlossen wühlte er in der Tüte bis er die richtige Dose gefunden hatte. Alain holte nun zum zweiten Mal an diesem Abend sein Fixbesteck hervor, füllte die Spritze und setzte sich zitternd einen Schuss. Wärme breitete sich von der Stelle aus, in der die Nadel steckte. Sein Atem wurde ruhig und eine Woge des Glücks, ein Gefühl, das in seinem Leben selten vorkam, durchflutete seine Gedanken. Sofort merkte er, dass er zu viel genommen hatte.

Langsam stand er auf und trat aus dem U-Bahnhof auf eine menschenleere, ihm unbekannte Vorortsstraße.

Mit geschlossenen Augen setzte er einen Fuß vor den anderen. Froh, an nichts mehr denken zu müssen, war es ihm plötzlich egal wohin er ging, was mit ihm passierte.

Er hörte das heranrasende Auto zwar, doch es schien ihm weit weg zu sein. Er hörte die dröhnend laute Musik, verdrängte sie aber sofort wieder in sein Unterbewusstsein. Langsam drehte er sich um und öffnete die Augen, dem heranrasenden Auto einfach entgegensehend. Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass er so im Dunkel stand, dass der Fahrer ihn gar nicht sehen konnte. Aber vielleicht wollte er das gar nicht? Eine weitere Glückswelle durchflutete ihn, als er den Kopf in den Nacken legte und auf den Aufprall wartete.

3.1.09 14:19

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