Engel und Dämon

Engel und Dämon - Teil 1:

-Der Regenschirm-

Ich stand allein auf dem leeren Platz und lauschte auf die Stimmen um mich herum. Alle redeten laut und ausgelassen durcheinander, viele lachten. Von links ertönten die unverkennbaren Rufe eines Streites. Und doch lag eine deutliche aber unfassbare Bedrückung auf diesem Platz.

Ich spürte das feuchte schwere Wetter, wie mir die Schwüle die Luft abschnürte.

Es würde regnen, vielleicht sogar gewittern, das wusste ich sicher.

Meine junge Golden Retriever Dame stupste mich leicht an. Auch sie spürte die Last des aufziehenden Unwetters und wollte nach Hause, doch ich hockte mich neben sie um sie zu streicheln.

Ihr weiches Fell zwischen den Fingern setzte ich mich dann einfach auf den warmen Asphalt und genoss die ersten etwas kühlenden Windböen.

Der Lärm, der über den Campus schallte, veränderte sich, wurde hektischer. Die Studenten schienen die Gewitterwolken bemerkt zu haben und eilten nach Hause oder zurück in die Uni, um in der Cafeteria weiter zu reden oder in der Bibliothek zu lernen.

Die Geräusche wurden leiser und gingen schließlich ganz im Lärm der Regentropfen unter, die auf die Blätter der Bäume aufzuschlagen begannen.

Große, schwere Tropfen fielen auf meinen Kopf und ich hob das Gesicht in den Regen, während ich auf den fernen Donner lauschte.

Sascha, meine Hundedame, winselte und schnappte mit dem Maul meinen Ärmel. Ich nutzte die Chance um beide Arme um sie zu legen und sie an mich zu drücken.

Ich liebte Gewitter. Erst diese kurze Stille, diese Anspannung in der Luft bei der sich mir immer die Härchen im Nacken aufstellten, das Warten mit angehaltener Luft und dann der fast schon erlösende und entspannende Donnerschlag, der einem verriet, wie weit das Ende noch entfernt war.

Sagte ich Ende? Nein! Ich meinte natürlich das Gewitter...

Die einzigen noch hörbaren Geräusche waren jetzt der Regen und der Donner. Nur ab und zu ein in der Nähe vorbeifahrendes Auto oder auch einmal ein kläffender Hund, dem Sascha natürlich sofort antwortete. Sie musste immer das letzte Wort haben.

Inzwischen waren Sascha und ich völlig durchweicht.

Ich spürte, wie mir das Wasser mein schlabberiges Sweatshirt an den gekrümmten Rücken klebte. Die Regentropfen liefen mir in den Ausschnitt und rannen meine, unter dem Pulli nackte, Brust hinab.

Der Wind nahm zu und wehte mir meine nassen Haare ins Gesicht. Mir wurde kalt.

Mit einem Mal hörte der Regen auf, auf mein Gesicht zu fallen, obwohl ich ihn noch deutlich hören konnte, wie er im Laub raschelte und über mir... auf einen Schirm prasselte.

Sascha bellte freudig um den Ankömmling zu begrüßen, wobei mich ihr wild wedelnder Schwanz mehrmals hart am Oberarm traf, ehe ich sie ein Stück wegschieben konnte.

Eine Stimme sprach direkt an meinem Ohr:

„Du solltest hier nicht alleine im Regen sitzen! Wieso gehst du nicht nach Hause?“

Ich fuhr zusammen, als er mich ansprach, sank aber zurück als ich merkte das es nicht Nicholas war.

„Ich warte auf jemanden.“, erwiderte ich leise und streichelte Sascha.

Der Junge hinter mir lachte leise. Was fand er denn daran bitteschön lustig? Beleidigt zog ich Sascha wieder an mich und vergrub die Nase in ihrem nassen Fell. Normalerweise hasste ich den Geruch von nassem Hund, aber Sascha musste mich jetzt trösten. Der Junge hatte ja Recht.

Es war unwahrscheinlich, dass Nicholas jetzt noch kommen würde, aber ich wollte nicht so schnell aufgeben.

„Ich habe dich beobachtet.“, erzählte mir der Junge. Man hörte seiner Stimme an, dass er noch immer Lachen musste. Unsicher drückte ich Sascha noch fester an meine Brust.

„Du sitzt hier schon über sechs Stunden!“

Ich fragte mich, was er mit diesem Hauch von Triumph in seiner Stimme bezwecken wollte.

„Falsch!“, korrigierte ich ihn leise „ich habe zwischendurch auch viel gestanden. Und dass du mich so lange beobachtet hast, heißt ja nur, dass du genauso lange hier warst. Also beschwere dich nicht über mich!“

Ich hatte keine Lust mit ihm zu reden und wandte mich auch daher weiter von ihm ab, als er sich neben mich hockte und einen Arm um meine nasse Schulter legte.

„Stimmt gar nicht!“, lachte er. „Ich wohne hier direkt gegenüber und mein Schreibtisch steht am Fenster.

Und da ich gerade einen CD-Italienisch Kurs mache, hatte ich viel Zeit aus dem Fenster zusehen, und, nach einer Weile, ist mir aufgefallen, dass du dich kaum vom Fleck gerührt hast, nicht mal als es anfing zu regnen.

Und, da du so getropft hast und so einsam aussahst, hab ich Mitleid bekommen und mich aus meiner warmen und gemütlichen Wohnung gequält.“

Er redete ohne zwischendurch Luft zu holen. Zumindest fragte ich mich, wann er das hätte machen wollen, so wenig Platz wie er zwischen den Worten ließ.

„Hast du Lust mit hoch zu kommen? Ich hab noch Käsekuchen da, den ich gestern gebacken habe und kann uns einen schönen Kaffee kochen.“

Noch ehe ich protestieren oder mich wehren konnte hatte er seinen Arm von meiner Schulter genommen, um meine Taille gelegt und hoch gezogen. Er hielt mich weiterhin an sich gedrückt während wir liefen.

„Damit deine Süße auch noch Platz unterm Schirm hat!“, erklärte er mir gleich.

Schweigend gingen wir etwa fünfzig Schritte, ich bleib immer von ihm abgewendet. Ich versuchte zwar nicht, mich von ihm los zu machen, aber er sollte wissen, das ich mich nicht einfach so von jedem anquatschen ließ!

Sascha begann freudig an uns hoch zu springen, als sie das kleine Glöckchen hörte, das zusammen mit seinen Schlüsseln fröhlich klimperte.

Nachdem er die Tür aufgeschlossen hatte zog er mich noch dichter und führte mich in den dritten Stock des Gebäudes.

Als ich an der ersten Stufe stolperte hielt er kurz inne und legte mir eine Hand auf die Stirn.

„Hast du Fieber? Ist dir schwindlig? Ich hab doch gesagt du sollst nicht im Regen sitzen bleiben! So was kommt von so was!“

Ich schüttelte nur kurz den Kopf und lief dann vorsichtiger neben ihm her.

Die warme Luft, die mir aus seiner Wohnung entgegen schlug, roch nach Zitronenmelisse und komischer Weise nach irgendetwas extrem fruchtigen, das ich nicht erkennen konnte.

„Wonach riecht das hier so ?“, fragte ich leise.

Er lachte und druckste ein wenig herum bis er gestand:

„Ich bin so ein Fan von diesem neuen Shampoo mit der klasse Werbung... weißt du, die wo die Frau so anfängt zu stöhnen wie beim Sex als sie sich die Haare damit wäscht... und da gibt es dieses Mango, Brombeere, noch was Shampoo... und da steh ich nun mal total drauf...“

Aus mir unerfindlichem Grund brach er in Gelächter aus.

„Was ist denn daran so schlimm? Ich mag den Geruch!“

Jetzt wo ich aus der schweren Regenluft heraus war, fiel mir erst auf, dass er auch extrem nach diesem Shampoo roch und fragte mich, wie ich das so lange hatte ignorieren können.

Sobald wir drinnen waren, ließ er mich einfach im Flur stehen, ging selber noch einmal vor die Tür und öffnete und schloss seinen Schirm noch ein paar Male schnell, um die größten Tropfen abzuschütteln und trat dann wieder hinter mich.

„Die Schuhe kannst du ausziehen. Ich hab überall Parkett und Fußbodenheizung. Ich lauf immer barfuss rum!“, erzählte er mir fröhlich lachend.

Ich wunderte mich schon eine geraume Weile, wie er das machte. Er schien die ganze Zeit fröhlich zu sein, verließ den Schutz seiner warmen Wohnung, um einen Fremden und seinen nassen Hund aus dem Regen zu retten und nahm ihn gleich mit zu sich...

Wo wir gerade von Hund sprechen. Gerade kam mein quirliger Gastgeber angewuselt, als ich mir die alten Turnschuhe abstreifte und drückte mir ein flauschiges Handtuch in die Hände.

„Da, trockne erstmal deinen Hund ab, der ist sicher ungeduldiger sich hier umzugucken, als du steifer Klotz... und er sollte vielleicht nicht gleich alles nass machen, oder was meinst du?“

Ich stammelte eine leise Entschuldigung, hockte mich hin und rief nach Sascha, um sie ordentlich trocken zu rubbeln.

Sie versuchte sich zwar zu wehren, aber wusste wohl auch, dass sie mir jetzt keine Schwierigkeiten machen sollte.

Von der Leine löste ich sie allerdings nicht.

Ich hielt sie direkt neben mir und folgte ihr, als sie zog, ohne ihr mehr Freiraum zu lassen.

Das warme Holz unter meinen nackten Füßen fühlte sich toll an und so ergab ich mich Sascha einfach und ließ mich von ihr hinter meinem Gastgeber herzerren.

„Das hier ist meine Küche!“, verkündete er fröhlich, als wir den nächsten Raum betraten. „Eh du fragst: ja, die Ausstattung war genauso teuer wie sie aussieht, aber ich bin Koch von Beruf und da darf es auch Zuhause nur das Beste sein! Sonst müsste ich mich ja jedes Mal dazu zwingen das 4 Sterne Restaurant zu verlassen, wenn ich wüsste, dass mich hier nur eine Junggesellenküche und Tiefkühlpizza erwartet!“

Noch in seinem Redeschwall hatte er mich ein Stück vorwärts geschoben und auf einen Stuhl gedrückt.

Ich stütze den Kopf auf die Hand und seufzte leise, als er unter weiteren Erklärungen zu diversen Küchengeräten wegwuselte und schrie erschrocken auf, als er mir plötzlich von hinten mit einem Handtuch durch die Haare wuschelte, doch er lachte nur laut darüber.

„So, jetzt hab ich deine Haare ein wenig getrocknet und das total sinnlos. Du musst jetzt nämlich Duschen gehen und dir was Trockenes anziehen!“, bestimmte er einfach.

„Ich weiß nicht... ich hab gar keine trockenen Sachen dabei und so kalt ist mir nun auch wieder nicht.“ Im Grunde war das gelogen.

So schwül es vor dem Regen auch gewesen sein mochte, in der halben Stunde die ich da noch gesessen hatte, hatte es sich ziemlich stark abgekühlt und ich fror noch immer, obwohl es meinen Füßen dank der Bodenheizung wieder etwas besser ging.

Aber meinem Gastgeber war das eh egal. Er zog mich einfach mit sich.

Er führte mich in einen gefliesten Raum, der aber zum Glück ebenfalls warm war und schmiss mir ein Handtuch lachend über den Kopf.

„So. Jetzt Duschen und dann bekommst du den versprochenen Kaffee und Kuchen von mir! Und dann erzählst du mir auf wen du gewartet hast!“

Ich wollte widersprechen, hörte allerdings nur noch die Badtür knallen.

Ich machte einen Schritt vorwärts und stieß mir den großen Zeh an der Duschwanne. Leise fluchend ließ ich das Handtuch einfach auf den Boden fallen, zog mir nach kurzem Zögern meine wirklich klatschnassen Sachen aus und legte sie daneben.

Ich würde ihn nachher einfach nach einem Wischlappen fragen.

Die heiße Dusche tat gut.

Erst tat es fast weh, so doll kribbelten meine Finger und Zehen, aber nach einer Weile genoss ich es und ließ mir das Wasser, wie den Regen zuvor, über das Gesicht laufen.

Nebenbei tastete ich nach irgendeinem Duschbad und öffnete es.

Es war eindeutig als das wieder zuerkennen, dessen Geruch überall in der Wohnung hing. Lächelnd wusch ich mir die Haare, verwendete den betäubend süß duftenden Schaum gleich noch als Seife und stieg etwa fünfzehn Minuten später erholt und duftend wie eine ganze Sommerwiese aus der Dusche.

Ich wischte mir grad das Wasser aus dem Gesicht und tastete nach dem Handtuch, als dessen Besitzer fröhlich-euphorisch wie immer hereinplatzte.

„Hier, ich hab ein paar Sachen gefunden die dir passen müssten... und stehen.

Sorry, wenn das etwas taktlos von mir ist, aber suchst du deine Outfits selber zusammen? Na gut, über Geschmack lässt sich ja nicht streiten. Wegen der Unterhose: keine Sorge, die ist frisch aus der Wäsche und nicht schon wochenlang getragen und irgendwo rum gelegen... gefallen dir die Sachen?“

Ich holte tief Luft und sagte leise und so höflich es ging:

„Vielen Dank, aber würde es dir etwas ausmachen mich einen Moment allein zu lassen? Ich bin derzeit nackt, und so gut kennen wir uns noch nicht...

Ich drückte das recht große Badetuch an mich /darin kann ich mich ja komplett einmal einwickeln- nimmt der immer Badetücher in Bettlakenformat?/, schoss es mir durch den Kopf.

Schnell schlang ich das Frotteetuch um mich und streckte ohne mich ihm zuzuwenden die Hand nach den Sachen aus, die mir prompt in die Hand gedrückt wurden, während er unter einem weiteren Redeschwall das Bad verließ, in dem er mir noch mitteilte, er würde meine Sachen irgendwo zum trocknen aufhängen.

Die recht engen Shorts die er mir gegeben hatte fühlten sich schön an, auf der Haut. Bestimmt verwendete er irgendeinen duftenden Weichspüler, den ich nur unter der Shampoowolke nicht mehr wahrnehmen konnte.

Irgendwie waren die Sachen allgemein recht eng anliegend.

Ich kam zu dem Schluss, dass er einfach kleiner sein musste, als ich.

Als ich fertig angezogen war überlegte ich eine Weile, was ich jetzt machen sollte. Irgendwie kam ich mir eigenartig vor. Ich erlebte es eher selten, dass Wildfremde mich einfach ansprachen und scheinbar grundlos mit zu sich nahmen.

„ähm... kannst du mir vielleicht einen Lappen geben? Meine Sachen haben eine Pfütze hinterlassen fürchte ich...“

Mein Gastgeber riss überschwänglich die Tür auf, gab mir anstatt eines Lappens eine Haarbürste in die Hand und meinte lachend.

„Hier, deine Haare haben’s nötiger... ich wisch das schnell selber auf!“

Hitze stieg in meinen Wangen auf, ich wollte protestieren, doch wurde resolut zur Seite geschoben.

Ich stand da, wie bestellt und nicht abgeholt und strubbelte mir mit der Bürste ein paar Mal durch die Haare, während er mir erzählte, dass mir die Sachen wirklich gut stünden- besser als ihm selber, und, dass seine Oma letzte Woche ihren 80. Geburtstag gefeiert hatte und er ihr eine tolle Brosche geschenkt hatte, über die sie sich sehr gefreut hatte.

Sascha kam bellend zu mir gesprungen und ich ergriff gleich ihre Leine und hielt sie wieder direkt an meiner Seite.

Ich mochte es nicht, wenn sie einfach irgendwo herum sprang, wo sie irgendetwas kaputt machen konnte.

„Danke!“, nuschelte ich und ließ mich von meiner kleinen Freundin aus dem Bad zerren.

Sie zerrte mich zu einem Sofa, von dem sie aber sogleich wieder herunter geschubst wurde. Stattdessen setzte ich mich dorthin und wartete auf den... Fremden.

Ich erlitt fast einen Herzinfarkt, als er plötzlich direkt neben meinem Ohr fragte, ob ich Zucker und Milch zum Kaffee möchte. Mein Herz raste, doch ihm war das egal. Lachend lief er wieder hinaus und stellte kurze Zeit später klirrend eine Tasse vor mich hin. Während er noch drei Mal hin und her rannte (beim zweiten Gang bekam ich einen Teller mit Kuchen in die Hand) erzählte er mich noch, das seine Tante eine ganz schreckliche Frisur hatte machen lassen, extra zur Feier des Geburtstages seiner Omi, und dass sein Tablett noch bei seiner Schwester liegen würde, die es für eine Tupperparty geborgt hatte.

Dann geschah etwas Komisches: Stille trat ein. Ich spürte, dass ich beobachtet wurde und hielt den Kopf gesenkt. Obwohl ich mich vorher irgendwie geärgert hatte, dass er so viel redete war mir die plötzliche Stille unangenehm.

„Jetzt weiß ich also alles über deine Familie, aber immer noch nicht deinen Namen und wieso du mich mit hierher genommen hat.“, sagte ich leise und klemmte meine verschränkten Finger unsicher zwischen meinen Knien ein.

„Mir war langweilig alleine und du sahst einfach von hier oben so aus, als könntest du auch etwas Gesellschaft gebrauchen und als ob du dir gleich den Tod holen würdest“, erklärte er ebenso leise.

Ich verschanzte mich hinter meiner Kaffeetasse und trank vorsichtig einen Schluck. Er war heiß, ungesüßt und Milch war auch keine drin, aber ich wollte nicht so unhöflich sein, darauf hinzuweisen. Mir wäre es einfach unangenehm gewesen, wenn ich ihm jetzt gesagt hätte, dass ich doch um Zucker und Milch gebeten hatte.

„Ich heiße übrigens Joshua Kasimir Kleopas. Meine Mutter hat sich, als ich sie das erste Mal nach dieser eigentlich komischen Namenswahl gefragt habe, tausendmal entschuldigt und mir, knallrot im Gesicht, gestanden, dass sie gerade gekifft hatte, um sich zu beruhigen. Also meine Freunde sagen alle Josh!“

Eine erwartungsvolle Stille trat ein.

„Meine Mutter hat mich Finn Samuel getauft, aber sie konnte sich nicht mit 'hab gekifft' entschuldigen. Nur meinem Vater ist es zu verdanken dass ich diesen Namen bekommen habe. Meine Mutter wollte ursprünglich 'Oscar Dorian', da sie derzeit auf einem Selbstfindungstrip Oscar Wilde ohne Ende gelesen hat und wollte, dass ich einmal so schön werde wie Mr. Grey...“

Ich kraulte Sascha hinter den Ohren, so dass sie leise erfreut zu fiepen anfing.

Josh konnte sich vor lachen nicht mehr auf seinem Sitz halten ein Dumpfer Aufschlag ertönte und sein atemloses Gelächter erklang einen Meter tiefer.

„Na, da hab ich mir ja den Richtigen ausgesucht!, Ich hab schon befürchtet, dass du mir jetzt mit einem langweilig alltäglichen Namen wie Thomas oder so daher kommst.“, stieß er zwischen zwei schlimmeren Lachattacken hervor.

Ich zuckte mal wieder zusammen als er sich, plötzlich mit Lachen aufhörend, neben mich fallen ließ.

„So, und jetzt würde ich gerne wissen, wieso du stundenlang im Regen auf jemanden wartest und wieso sie nicht kommt, wenn sie weiß was für ein wundervoller Kerl auf sie wartet!“

Ich merkte wie mein Gesicht zu Glühen begann. Wieso konnte er so peinliche Sachen einfach so locker sagen?

Ich druckste eine Weile herum.

„Weißt du, ich habe auf kein Mädchen gewartet.“, gestand ich zögernd.

Ich wusste nicht wie ich es ihm erklären sollte.

„Ich habe auf einen Freund gewartet und er ist nicht gekommen weil...“ Ja, wieso eigentlich?

„Ja?“, hörte ich Josh leise fragen. Auf einmal wirke er nicht mehr albern oder, überdreht und wie ein kleines Kind zu Weihnachten.

Ich hob den Kopf.

„Man sieht es mir nicht auf den ersten Blick an, aber ich bin blind. Sascha ist hier, um auf mich aufzupassen und mir zu sagen wo es langgeht.

Wenn ich ehrlich sein soll: ich bin überrascht, dass du es nicht gleich gemerkt hast, aber du hast mich die ganze Zeit herumgeführt. Immer mit mehr Körperkontakt als normalerweise nötig wäre...“, ich spürte wieder diese Hitze im Gesicht. „daran könnte es liegen!“, schloss ich lahm und legte meine Finger fester um die warme Kaffeetasse.

„Das ist vor zwei Jahren passiert, und damals hat Nicholas das nicht ausgehalten und ist weggezogen von hier.

Ich hab gehört, dass er wieder in der Stadt ist und hab ihn gebeten sich noch einmal mit mir zu treffen.

Ich habe seiner Mutter gesagt sie soll ihm ausrichten, ich würde um 2 Uhr am Campus auf ihn warten... aber er ist nicht gekommen! Er hasst mich dafür, dass es vor zwei Jahren so schwierig war. Ich hatte mich in meiner Panik an ihn geklammert, aber er wollte eine lockerere Beziehung und ist geflohen...“, ich hatte leise vor mich hin geredet und schrak nun auf, als Josh mich leise fragte:

„Du... du bist schwul?!“

Warum musste das jetzt so ablehnend klingen? Ich hatte eigentlich gehofft, dass jemand der so was von quirlig und kontaktfreudig anderen Männern gegenüber war, wenn schon nicht selbst schwul war, zumindest Verständnis hatte.

Mit einem Ruck stand ich auf, zog Saschas Leine straff, so dass sie gezwungen war direkt neben mir zu laufen und bedeutete ihr durch einen leichten Druck in die Seite, dass ich gehen wollte.

Sie jaulte kurz bedauernd auf, kam meinem Wunsch aber nach und zog mich mit sich aus der Wohnung.

So schnell es ging lief ich die Treppe hinab und war froh, als ich wieder im Regen stand und niemand meine Tränen sehen konnte.

Dass meine Schuhe noch in Joshuas Flur standen kümmerte mich im Moment eher wenig. Ich wollte nur so schnell wie möglich dort weg. Sobald wir über den Campus liefen, ließ ich auch Sascha mehr Leine, damit wir uns nicht gegenseitig beim Laufen behinderten. Ich konnte mich ja auf sie verlassen, dass sie mich warnen würde, sollte mir etwas im Weg stehen. Sie war zwar kein ausgebildeter Blindenhund, aber wir kannten uns sehr gut. Außerdem war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, als ich den kleinen Welpen dort in diesem schrecklichen Tierheim entdeckt hatte. Meine Füße taten schon bald vom Laufen auf dem harten, rauen Asphalt weh. Es war weit bis zu mir nach Hause. Hinwärts waren Sascha und ich eine halbe Stunde mit der Straßenbahn gefahren.

Natürlich war ich mir sicher, dass sie den Weg finden würde, aber ich stoppte sie, als ich nach einer Weile Sand anstatt Stein unter meinen Füßen spürte. Ich ging probehalber drei Schritte zur Seite, immer darauf achtend wann Sascha anfangen würde mich wegzuziehen und stand plötzlich auf weichem, nassem Gras.

Erleichtert ließ ich mich nach Hinten sinken bis ich in der Grünanlage lag und schloss die Augen. Eher ein entspannender Reflex als nötig.

Ich rief Sascha näher zu mir und löste ihre Leine um ihr ein wenig Auslauf zu gewähren. Sie lief zwar immer geduldig neben mir her, aber am liebsten rannte sie wild herum und jagte Katzen und Kaninchen hinterher. Und wieso sollte nur ich mich entspannen dürfen?

Ich legte die Hände auf meinen flachen Bauch und stellte erschrocken fest, dass ich gar nicht meinen eigenen weiten Pulli trug, sondern einfach in Joshs Sachen hinaus gelaufen war.

Aber ich konnte jetzt auch nicht zu ihm zurückgehen.

Zudem waren sie jetzt nicht nur ebenfalls völlig durchweicht, sondern sicher auch schmutzig.

//aber suchst du deine Outfits selber zusammen? Na gut, über Geschmack lässt sich ja nicht streiten//, hatte er gesagt.

Wahrscheinlich waren die Sachen, die ich im Moment trug, viel teurer als meine eigenen. Da ich allein lebte und selber ja nicht mehr sehen konnte, wie ich aussah hatte ich angefangen einfach das billigste zu kaufen. Am liebsten Lang, damit man sich nicht so leicht irgendwo aufkratzen konnte und schön bequem schlabberig.

Es gab ja auch niemanden mehr, den ich beeindrucken müsste, mit meinem Aussehen. Nicholas hatte ja beschlossen nicht mehr zu mir zurückkommen zu wollen.

Ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte noch länger hier liegen zu bleiben und in Selbstmitleid zu ertrinken.

Ich pfiff nach Sascha und wartete angespannt. Sie kam nicht.

/Sie erlaubt sich sicher einen Scherz und kommt gleich. Oder sie hat gerade einen interessanten Kaninchenbau gefunden, den sie noch erkunden muss./

Aber die Wartezeit wurde immer länger. Und obwohl ich rief und Pfiff und immer wieder versuchte sie mit Versprechen zu locken, sie blieb fort.

Langsam stieg Panik in mir auf.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich eigentlich befand. Weder in welchem Viertel, noch wo meine kleine Einzimmerwohnung lag.

Ängstlich immer weiter Saschas Namen rufend stolperte ich vorwärts. Tränen der Verzweiflung und des Verlustes rannen über mein Gesicht.

Mit ausgestreckten Händen lief ich durch die Dunkelheit, stieß gegen Bäume, tappte einmal in Wasser, das ich zuerst nur für eine Pfütze hielt, aber als es mir nach zwei Schritten schon bis ans Knie reichte ging mir auf, dass es sich um einen kleinen Teich oder See handeln musste.

Ich drehte mich um und wollte wieder heraus, aber ich hatte die Orientierung verloren und stolperte noch eine Weile durch das kalte Wasser, bis ich wieder trockenen Grund unter den Füßen hatte.

Nicht dass Joshs Hose dadurch noch irgendwie hatte nasser werden können, aber als hätte der Tümpel mir alle Energie entzogen sackte ich am Teichufer zusammen.

Schwer atmend drückte ich meinen Körper gegen das nasse Gras, lauschte eine Weile auf den Schlag meines rasenden Herzens und überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte.

Ich durfte jetzt hier nicht aufgeben.

Erleichtert hob ich den Kopf, als ich Hundegebell näher kommen hörte, sackte aber gleich wieder zurück. Das war nicht meine Sascha.

Trotzdem raffte ich mich auf und erhob mich um der Person entgegen zu gehen und sie um Hilfe zu bitten.

Ich hatte schnell wieder Sand unter meinen Füßen und lief schnell, wenn auch ein wenig unsicher auf das Gebell zu.

Als ich näher herankam hörte ich Mädchen aufgeregt Tuscheln. Ich verstand nicht alles, aber hörte heraus, dass sie mich für völlig betrunken oder wahlweise einen kranken Triebtäter hielten.

Ehe ich den Mund öffnen und das Missverständnis klarstellen konnte, sowie sie um Hilfe bitten hörte ich das trappeln und knirschen der über den Sandweg davon rennenden Schuhe.

Dass ich gleich darauf in eine Glasscherbe trat machte die ganze Situation irgendwie nicht besser.

/Wieso hast du Idiot ihm denn nicht einfach etwas vorgelogen, als er nach einer Freundin fragte?/, fragte ich mich. Aber ich hasste Lügen, da ich selber so leicht reinzulegen war.

Eine Weile stand ich nur unschlüssig da und rechnete alle meine Schritte nach, aus welcher Richtung ich wohl gekommen sein musste.

So unangenehm mir das auch war, ich musste versuchen zu Josh zurück zu finden. Er wusste wie meine Hündin aussah, er hatte meine Schuhe und konnte mir vielleicht helfen sie wieder zu finden. Auch wenn er mich nun nicht mehr leiden konnte, von Sascha schien er ja ziemlich angetan gewesen zu sein.

/Sie ist ja immerhin eine Frau!/, dachte ich bissig.

Nachdem ich mich schweren Herzens für eine Richtung entschieden hatte trabte ich los. Erst nach etwa zehn Minuten Weg ging mir auf wie hinfällig meine Idee gewesen war.

Woran bitteschön sollte ich denn merken, dass ich mich auf dem richtigen Platz befand? Inzwischen war es doch bestimmt schon nach 23 Uhr und daher unwahrscheinlich, dass er noch immer aus dem Fenster sah. Zudem wusste ich gar nicht, ob er mich überhaupt noch einmal ansprechen würde, selbst, wenn er mich sehen sollte.

Ich klammerte mich einfach daran fest, dass das schon irgendwie funktionieren würde und lief, immer wieder nach Sascha rufend den Weg entlang bis ich wieder Asphalt unter meinen Zehen spürte.

Als ich Putz unter meinen tastend ausgestreckten Fingern fühlte weinte ich fast vor Erleichterung.

Langsam tastend ging ich an der Mauer entlang bis ich die Tür fand, suchte die Klingel und drückte einfach den untersten Knopf.

Eine ganze Weile blieb alles Still. Die Erleichterung schlug wieder in dieses beklemmende Gefühl der Angst um.

Hastig drückte ich den nächsten höheren Knopf.

Wieder wartete ich eine Weile vergeblich. Ich versuchte noch die anderen Knöpfe durch und wollte mich gerade abwenden, als ein leises Knacken direkt neben meinem Ohr ertönte und eine Verschlafende Stimme unfreundlich „Was denn???“, fauchte.

Erleichtert fing ich an der Frau (zumindest nahm ich an, dass es eine weibliche Person war, allerdings ließ sich nach diesen beiden, vom schlechten Sprechgerät noch verzerrten Worten schlecht konkret festlegen), dass ich nichts sehen konnte und meinen Hund verloren hatte.

Eine Weile blieb alles still, dann ertönte der Türsummer.

Schnell drückte ich gegen die Tür um sie offen zu halten, da ich nicht noch mal klingeln müssen wollte.

Sie (inzwischen erkannte man eindeutig, dass es sich um eine Sie handeln musste) beschied mir einfach unten in der Eingangshalle zu warten.

Nach ein paar Minuten angespannten Wartens, auf dem kalten Boden sitzend, polterten recht schnelle Schritte eine Holztreppe hinunter.

Ich wollte mich eigentlich erheben und ihr höflich entgegentreten, doch meine Beine waren irgendwie weich. Wahrscheinlich kam das von der Angst um Sascha und darum, wie ich alleine nach Hause finden sollte.

Die Schritte stoppten einen Meter von mir entfernt.

Einige Augenblicke blieb alles ruhig, nur der leise Atem der Frau war zu hören.

Ein leichter Geruch von Zahnpasta, Creme und einem dezent duftendem Frauenshampoo wehte zu mir herüber.

„Willst du erstmal mit hoch kommen? Oder musst du sofort weiter? Wartet denn jemand auf dich?“

Sie machte eine Pause.

Ich hörte das leise Rascheln von Stoff und erahnte, dem Leichten Luftzug nach zu schließen, dass sie mir wohl den Arm hinhielt, wollte aber nicht durch wildes hin und her fuchteln in der leeren Luft unangenehm auffallen, sollte ich mich getäuscht haben.

Allerdings legte sich ihre Hand kurz darauf auf meine Schulter, strich dann den ganzen Arm bis zu meiner Hand hinab und ergriff diese dann um mich auf die Füße zu ziehen.

„Ich bin Elisabeth!“, stellte sie sich vor. „Ich bin 38, etwa ein Meter und 72 groß, habe blond gefärbte Haare und braune Augen!“, stellte sie sich vor.

Lächelnd erhob ich mich.

„Ich heiße Finn Samuel. Ich nehme mal an, wie ich aussehe muss ich nicht beschreiben... das kannst du momentan wahrscheinlich besser als ich. Die Erinnerung an mein Spiegelbild ist in meinem Kopf nicht mehr so klar vorhanden. Ich habe mich völlig verlaufen. Und ich bin dummerweise aus der Wohnung von jemandem weggelaufen, dessen genaue Adresse ich dir jetzt gar nicht sagen kann, und bei dem noch meine Schuhe stehen.“

Ich machte eine kleine Pause und lehnte mich wieder gegen die Wand.

„Du musst mich nicht erst mit hoch nehmen. Es tut mir schrecklich leid, dass ich dich um die Zeit aus dem Bett holen musste. Es reicht schon, wenn du mir sagst wie ich zum Campus komme. Von da aus finde ich seine Wohnung schon wieder!“

Ich war mir dessen nicht sicher, aber ich wollte Elisabeth nicht weiter vom Schlafen abhalten.

Sie schwieg einen Moment bis sie laut zu Denken begann.

„Na ja... meine Schuhe dürften dir nicht passen. Dich so wieder rauslassen kann ich aber auch nicht, es ist kalt...“ ich zuckte zurück als ihre heißen Finger kurz über meine kalten Zehen strichen.

„Am besten wäre es wohl, wenn ich dich einfach mit dem Auto zum Campus fahre. Dann kannst du mir sagen wo in etwa die Wohnung des Mannes lag und ich führe dich hin... das erspart dir jede Menge Sucherei und noch kältere Füße, und mir eine Nacht voller Sorgen, ob du es nun geschafft hast oder nicht!“

Dankbar lächelte ich sie an und entschuldigte mich gleich noch einmal wegen der späten Störung. Sie hielt meine Hand weiterhin fest und führte mich zur Treppe und nach Oben.

Drei Absätze weiter blieb sie stehen und ließ meine Hand vorerst los. Ich hörte das charakteristische klirren von Schlüsseln und reinigte meine Füße vorsichtig an dem Abtreter vor der Tür. Ich wusste ja nicht ob sie drinnen einen Teppich liegen hatte oder teures Parkett, das ich beschmutzen konnte.

Es musste einer dieser Kokosabtreter sein. Am linken Fuß spürte ich sofort die entspannende Massagewirkung, während durch den rechten ein scharfer Schmerz zuckte. Hastig trat ich einen Schritt zurück und stolperte dabei ungeschickt über etwas relativ niedriges hölzernes, das ich ob seiner Form und Lage für ein Schuhschränkchen hielt, und fiel rückwärts hin.

Ich fing mich mit den Ellenbogen ab und tastete gleich darauf nach meinem schmerzenden Fuß.

Meine Finger ertasteten etwas Warmes, Klebriges.

/verdammt... ich hab völlig vergessen dass ich mir vorhin den Fuß aufgeschnitten hab... hoffentlich hab ich keine Flecken irgendwo hinterlassen wo sie nicht mehr raus gehen. Sie ist so nett zu mir, da möchte ich ihr nicht noch mehr Probleme bereiten!/

Ich zog meine Beine in den Yogasitz (einfach so bekam ich das aus der Kalten heraus nicht hin) und fuhr mit der Zunge über den Schnitt. Zum einen wollte ich abtasten wie lang er war, zum anderen war inzwischen sicher viel Dreck in die Wunde geraten.

Der Geschmack von Blut machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Ich mochte ihn irgendwie.

Eine Hand umfasste meine Schulter und zog mich zurück. Zuerst ging ich davon aus, dass es Elisabeth sein müsste, aber deren schritte hörte ich noch immer durch ihre Wohnung hasten, und da sehr viel Geraschel und Geklapper ertönte nahm ich einfach an, dass sie etwas suchte.

Zudem war die Hand stärker und größer.

Nach kurzem Zögern griff ich danach und ließ meine schlanken, langen Finger darüber gleiten.

Ich hatte Recht. Es war eine recht große, raue Männerhand.

Der Besitzer zog sie nach einigem Zögern doch recht schnell zurück.

„Bist du schwul, oder warum tatschst du mich gleich an?“, kam sofort ein böser Kommentar von einer tiefen rauen Stimme, die sehr nach übermäßigem Zigarettenkonsum klang. Sein Geruch bestätigte diesen ersten Eindruck.

Ich war verunsichert. Was sollte ich ihm jetzt sagen? Ich entschied mich für die einfachste Art seine aggressive Frage zu umgehen:

„Entschuldigung... ich bin blind und wollte gerne wissen, wer sie sind.“

Plötzlich fiel mir mein Fuß wieder ein, der wohl durch den rauen Abstreifer weiter eingerissen sein musste.

„Scheiße!“, fluchte ich leise und streckte das Bein schnell von mir weg. Ich hatte nicht aufgepasst. Einiges von dem Blut war auf Joshs Hose gelaufen. Und da ich nicht wusste welche Farbe sie hatte war das schon ein Problem. Vielleicht hatte ich eine weiße Hose an, die er jetzt einfach nur noch wegschmeißen konnte...

Elisabeths Schritte näherten sich relativ schnell und dann spürte ich, wie sich eine warme schlanke Hand um meinen Fuß schloss.

„Könntest du vielleicht mal ein Pflaster holen?“, sagte sie an mir vorbei, wohl zu dem Mann hinter mir.

„Ich nehme ihn mit rein, bei mir im Bad kann man das sicher besser verbinden, als hier draußen im kalten Flur!

Ich werd mich um ihn kümmern! Leg du dich lieber wieder schlafen! Ich weiß doch, dass du halb 5 in deiner Bäckerei stehen musst!“

Ich kam mir grad eigenartig vor, wie die beiden um mich handelten und mich gluckenmäßig umsorgten. Wahrscheinlich sah ich gerade schrecklich aus.

Ich ergriff Elisabeths Hand, dankte ihr noch einmal und entschuldigte mich mal wieder dafür, dass ich sie geweckt hatte, und fünf Minuten später saß ich mit dem anderen allein auf dem Flur.

Ich mochte seinen Geruch nicht besonders. Nicht das er stank, aber sein Aftershave war penetrant und dazu diese Zigaretten... er kam mir näher. Legte einen Arm um meine Schultern, den anderen schob er unter meinen Hintern.

Noch ehe ich dazu kam mich zu wehren hatte er mich hochgehoben und trug mich ein Stück.

Als er mich absetzte, spürte ich unter meinen Füßen recht kalte Fliesen.

/Bei Josh hat es viel schöner gerochen!/, stellte ich fest. Hoffentlich schaffte er mich so schnell wie möglich zu ihm zurück. Oder am besten gleich zu mir nach Hause. Da würde Sascha wahrscheinlich am ehesten wieder hin laufen.

Wieso war sie eigentlich weg gerannt? Sie wusste doch, dass ich sie brauchte!

In Gedanken an Sascha vertieft hatte ich nicht bemerkt, wie der Mann, dessen Namen ich bisher noch gar nicht erfahren hatte, ganz nah an mich heran getreten war.

Doch plötzlich presste er seine Lippen hart auf meine und drängte seine Zunge in meinen Mund.

Ich versuchte zu schreien, bekam aber nicht genug Luft.

Es war einfach nur widerlich. Die Zigaretten, seine ungeputzten Zähne... ich schlug so fest ich konnte auf ihn ein, aber er schien viel größer zu sein als ich.

Tränen rannen über mein Gesicht, als er mir ein Stück Stoff, wahrscheinlich einen Waschlappen, in den Mund stopfte und mir Joshs Pulli über den Kopf zog.

Ich wand mich und strampelte wie verrückt, aber so oft ich auch versuchte nach ihm zu treten, wenn ich ihn überhaupt traf, dann nicht richtig, nicht so, dass es ihm wirklich wehgetan oder von irgendetwas abgehalten hätte.

Nach einer Weile gab ich auf und blieb einfach mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegen, auf dem ich im Laufe des Kampfes gelandet sein musste.

Ich presste die Lieder fest aufeinander, obwohl das im Grunde sinnlos war. Weniger mitbekommen tat ich nicht und die Tränen quollen einfach darunter hervor.

Mir wurde schrecklich kalt.

Ich schlug weiter auf ihn ein, bis mir die Kraft ausging.

Der Lappen in meinem Mund hinderte mich am Atmen. Ich spürte wie durch den Würgreflex angeregt mein Magen beschloss seinen Inhalt wieder abzugeben.

Panisch versuchte ich den Lappen aus dem Mund zu bekommen. Das Erbrochene blieb mir im Hals stecken und panisch begann ich wieder mich zu winden und zu strampeln um meine Hände los zu bekommen, die der andere mit einer Hand festhielt.

Allerdings war das einzige, das ich dadurch erreichte, das ich mit dem Kopf heftig gegen eine Kante stieß.

Am Rande bemerkte ich noch, dass ich wohl am Kopf bluten musste, ehe ich das Bewusstsein verlor.

3.1.09 14:22, kommentieren